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Projekte | Hutias in der Karibik


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Guntram Meier, Mitbegründer der ZGAP - Berlin, initiierte 2003/2004 die erste systematische Forschungsexpedition zu den letzten Vorkommen dreier kubanischer Hutia - Arten

Hutias - hochbedrohte Nagetiere der Karibik
Nagetiere gehören nicht zu den Darlings des internationalen Artenschutzes. So verwundert es nicht, dass eine ganze Familie, die Hutias (im Deutschen auch Baum- oder Ferkelratten genannt), eine hauptsächlich in Mangrovenhabitaten lebende Nagetierart, nahezu unbemerkt verschwindet. Von ehemals über 60 Arten existieren heute bestenfalls noch 12 bis 13 - genauere Nachforschungen werden schon seit Jahrzehnten nicht mehr angestellt. Aus diesem Grunde organisierte Guntram Meier, ZGAP - Urgestein und Mitbegründer der Regionalgruppe Berlin der ZGAP zusammen mit einer kubanischen Organisation (ENPFF - Nationale Gesellschaft für den Schutz von Flora und Fauna) im Winter 2003 / 2004 eine Expedition zu drei Inselgruppen, auf denen in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts jeweils wenige Exemplare verschiedener Hutia - Arten erstmals gefangen und danach wissenschaftlich beschrieben worden sind:
San - Felipe - Hutia (Mesocapromys sanfelipensis), Cabrera - Hutia (Mesocapromys angelcabrerai) und Ohrenhutia (Mesocapromys auritus).
Seit diesem Zeitpunkt gab es nur von der Ohrenhutia einige Sichtungen, die beiden anderen Arten wurden nie wieder gesehen. Von allen drei Arten existierten nicht einmal Fotos.

Bei der Expedition wurde festgestellt, dass die San - Felipe - Hutia vermutlich ausgerottet worden ist. Auf der Insel ihrer Erstentdeckung (eine von 25 Inseln der Inselgruppe Cayos de San Felipe, 25 km südlich der Küste der Provinz Pinar del Rio) konnten trotz intensivster Nachsuche keinerlei Spuren (Fraß- oder Trittspuren, Kot, Nester) gefunden werden. Vier in der Nähe liegende, aber sehr kleine Inseln konnten aus Zeitgründen nicht abgesucht werden. Hier könnten einige der Tiere überlebt haben, was angesichts der geringen Größe dieser Eilande allerdings sehr unwahrscheinlich ist. In nächster Zeit soll trotzdem noch einmal eine Expedition auch diese Inselchen untersuchen. Werden dann auch dort keine Tiere mehr gefunden, wird man auch die San - Felipe - Hutia von der Liste der noch existierenden Tierarten herunternehmen müssen.

Erfolgreicher war die Nachsuche auf den beiden anderen Inselgruppen:
Auf den Cayos de Anna Maria (ca. 60 Inseln vor der Küste der Provinz Ciego de Avila) wurden mehrere Exemplare der Cabrera - Hutia in Lebendfallen gefangen, untersucht, vermessen, mit Ohrmarkierungen versehen und wieder freigelassen. Da es Tiere beiderlei Geschlechts und verschiedenster Altersstufen waren, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass es dort eine kleine, aber mit Sicherheit sich selbst erhaltende Population dieser Art gibt.
Die Fotos, die von den gefangenen Tieren gemacht wurden, sind die ersten von dieser Art überhaupt.

Auf der Insel Cayo Fragoso (vor der Nordküste der Provinz Villa Clara) konnte die Ohrenhutia nachgewiesen werden, ebenfalls in mehreren Exemplaren beider Geschlechter und der verschiedensten Altersstufen. Auch hier wurden die weltweit ersten Fotos von lebenden Tieren dieser Art angefertigt.

Gefährdung und Schutz
Bei der San - Felipe - Hutia muß erst noch endgültig überprüft werden, ob wirklich keine Tiere mehr existieren. Dann wird diese Information an das IUCN Gremium, das für die derzeit in Arbeit befindliche Aktualisierung der Roten Liste aller Säugetiere verantwortlich ist, weitergegeben - und die Welt dann auch offiziell um eine Art ärmer sein. Das ist bedauerlich, aber im Sinne des Artenschutzes notwendig - die irrige Annahme, es würden schon noch ein paar Exemplare irgendwo überlebt haben, führte in vielen Ländern dazu, dass man den Zeitpunkt verpasst hat, an dem man die Probleme für noch existierende Arten unter Umständen hätte lösen können. Und als man dann mit den ersten Schutzmaßnahmen begonnen hat, war es auf einmal zu spät.
Beispiel Tasmanischer Wolf, den man unter totalen Schutz gestellt hat - einen Monat, nachdem das letzte frei lebende Tier totgeschossen worden war. Hätte man auch nur einen Bruchteil des Geldes, das seitdem in Nachsuchaktionen für diese Art geflossen ist, rechtzeitig in Schutzmaßnahmen investiert, gäbe es heute eine stabile und dauerhaft überlebensfähige Population dieser wunderbaren Tierart.

Die beiden von uns wieder entdeckten Arten, die Cabrera - Hutia und die Ohrenhutia, leben nun glücklicherweise in noch reproduktionsfähigen Gruppen, aber ihr Status laut Roter Liste (und auch nach unserer Einschätzung) ist der der höchsten Gefährdungsstufe - critically endangered, "kritisch" oder "extrem von Ausrottung bedroht". Bei beiden Arten muß schnellstmöglich mit spezifischen Schutzmaßnahmen begonnen werden. Dabei spielen aktuelle Habitatschutzmaßnahmen bei beiden Inselgruppen ausnahmsweise einmal nicht die größte Rolle - Kuba hat den weltweit neuntgrößten Mangrovenbestand und schützt diesen, zumindest auf den nicht für den Tourismus vorgesehenen Inseln, recht ordentlich.
Die Hauptprobleme bei der Sicherung der kleinen Hutiapopulationen sind eine recht komplexe Melange aus menschlichen Einflüssen und naturräumlichen Gegebenheiten:
  • In Zeiten von Nahrungsmittelknappheit werden Hutias gezielt gefangen, um sie zu verspeisen. Das ist für eine nicht bedrohte Hutia -Art, die Conga - Hutia auch nicht verboten. Diese darf ganz offiziell bejagt werden, was natürlich dazu führt, dass auch die beiden streng geschützten Arten mitgefangen werden (die Tiere werden in der Regel in Fallen gefangen). Und da die Menschen auf den Cayos den Unterschied zwischen den geschützten und den jagdbaren Arten nicht kennen oder beachten, verspeisen sie mit den häufigen Conga - Hutias auch die seltenen Cabrera - und Ohrenhutias. So ist mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit das Aussterben der San - Felipe - Hutia auf direkte menschliche Verfolgung zurückzuführen - auf der Insel der Erstbeobachtung gab es nämlich bei unserer Nachsuche 2003 / 2004 auch keine Conga - Hutias mehr. Wahrscheinlich wurden beide Arten in den wirtschaftlich sehr schwierigen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts von Fischern gezielt gefangen und damit zumindest indirekt ausgerottet.
  • Auf allen Inseln wurden durch den Menschen Ratten eingeschleppt, die als Nahrungskonkurrent und - zumindest für junge Tiere - auch als Verfolger die Hutiapopulationen negativ beeinflussen. Andere eingeschleppte Raubsäugetiere konnten nicht festgestellt werden. Allerdings gibt es Berichte über verwilderte Katzen und Hunde
  • Die Inseln sind sehr klein und sehr flach. Bei den regelmäßig durchziehenden tropischen Wirbelstürmen werden sie manchmal völlig überflutet, was den Bestand gerader kleiner Populationen stark beeinträchtigen kann

Ausblick
Nachdem der reale Status der oben beschriebenen drei Hutia - Arten ermittelt worden war, wurde durch die ENPFF sofort mit Schutzmaßnahmen auf den Cayos de Ana Maria begonnen: Es wurde eine Rangerstation errichtet und seit Ende 2005 ist diese permanent besetzt.
Auf Cayo Fragoso war das nicht notwendig, da diese, den Bahamas gegenüberliegende Insel, ohnehin von der kubanischen Marine regelmäßig kontrolliert wird. Allerdings duldet die Marine dort bislang noch das partielle Abholzen der Mangroven was mittelfristig zu größeren Habitatschädigungen führen muß.
Um die Überlebensmöglichkeiten der beiden noch nachgewiesenen Arten zu verbessern, scheinen uns folgende Maßnahmen angebracht:
  • Verbesserter Schutz gegen (unerlaubtes) Betreten der Inseln
  • Gezielte Bekämpfung eingeschleppter Tier- und auch Pflanzenarten (also neben Ratten, ggfls. Katzen und Hunden auch Bekämpfung der Australischen Kasuarine, einer invasiven Baumart, die viele Cayos regelrecht zuwuchert und andere Vegetation mit ihren Nadeln erstickt)
  • Information der Bevölkerung bezüglich der verschiedenen Hutia - Arten
  • Ansiedlung von neuen kleinen Gründerpopulationen zumindest der Cabrera - Hutia auf neuen, unbesiedelten Inseln des Ana-Maria Archipels (um die Wahrscheinlichkeit der Ausrottung durch einen besonders starken Wirbelsturm und den damit verbundenen Überschwemmungen einiger Eilande dort zu vermindern)

Parallel zu der Organisation notwendiger Schutzmaßnahmen beabsichtigen wir, auch den Status sämtlicher noch existierender Hutia -Arten zu erkunden, wozu neben 7 kubanischen Arten je eine Art auf Hispaniola, den Bahamas und Jamaika gehört.

Der oben stehende Bericht ist eine veränderte und verkürzte Version eines Artikels von Guntram Meier in den ZGAP - Mitteilungen vom November 2004 (Ungelöste Aufgaben erfüllen - Schutz der Hutias in der Karibik)

Letzte Neuigkeiten:
In den Jahren 2006 und 2007 wurden auch die zuvor nicht untersuchten Inselchen der San Felipe Gruppe begangen. Wie bereits vermutet zeigte sich dass auch dort keine Hutias mehr leben. Es muss daher festgestellt werden dass aller Wahrscheinlichkeit halber die San Felipe Hutia in den frühen neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts ausgerottet wurde. Diese traurige Nachricht überbrachte unser Projektleiter vor Ort, Juan Pedro Soy von der Empresa Flora y Fauna, den Teilnehmern des IUCN Small Mammal Red-List Assessment Workshop der im Februar 2008 in Honduras stattfand. Die bereitgestellten Informationen werden nun noch einmal durch die Experten der IUCN unabhängig geprüft und die kommende Rote Liste der Weltnaturschutzunion IUCN dann vermutlich um eine bedrohte Art weniger sein. Leider nicht weil sie gerettet wurde sondern weil sie ausgerottet wurde. Für 2008 ist nun die lange geplante Expedition zu den kleinen Inseln nahe dem Toruismus-Schwerpunkt Cayo Largo, südlich von der hauptinsel Kubas vorgesehen. Die dort lebende Garrido-Hutia (Mesocapromys garridoi) wurde 1970 anhand eines gefangenen Tieres wissenschaftlich beschrieben. Seit nun fast 40 Jahren gibt es keinerlei Informationen mehr über diese Art. Die wenigen Inseln auf denen das Tier vorkommen kann waren in den letzten Jahren durch Stürme wiederholt fast komplett überflutet worden, so dass es vollkommen offen ist ob dort noch irgendwelche landlebenden Säugetiere existieren.


Ana-Maria-Hutia - Die ZGAP Berlin finanziert Expeditionen, um die Artenvielfalt zu erfassen. Dabei wurden die Ana-Maria-Hutias, wiederentdecket! Foto: Juan Soy
Ana-Maria-Hutia - Die ZGAP Berlin finanziert Expeditionen, um die Artenvielfalt zu erfassen. Dabei wurden die Ana-Maria-Hutias, wiederentdecket! Foto: Juan Soy

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